[arabisch, "Geschichte, Legende"]

Die Geschichten des Nasreddin Hodscha

Billige Esel

An jedem Markttag brachte der Hodscha einen Esel zum Markt und verkaufte ihn sehr billig. Der Preis, den er für seinen Esel verlangte, lag immer weit unter den Preisen seiner Konkurrenten. Eines Tages sagte ein reicher Eselhändler zu ihm: »Ich weiß nicht, wie du es dir erlauben kannst, deine Esel so billig zu verkaufen. Ich lasse meine Diener das Heu von den Bauern stehlen und befehle ihnen auch, die Esel zu halten, ohne dass ich sie dafür bezahle. Und dennoch sind deine Preise niedriger als meine.« »Nun ja, das ist sehr verständlich«, antwortete der Hodscha. »Du stiehlst Futter und Arbeitskraft - ich stehle Esel!«

Dann weiß ich, was ich tu...

Der Hodscha ist auf Besuch in einem Nachbardorf. Da verliert er seine Satteltasche. Die Dorfbewohner, die er im Kaffeehaus trifft, warnt er: »Ihr tätet gut daran, meine Satteltasche zu finden, sonst weiß ich nämlich, was ich tu...«

Die Leute bekommen eine Heidenangst, alle sind in Aufregung. Der Ortsvorsteher ordnet eine Suchaktion an und schließlich wird die Tasche gefunden.

»Hodscha«, fragt da der Ortsvorsteher, »du hast doch gesagt, du wüsstest, was du tätest, wenn wir die Satteltasche nicht finden würden. Jetzt würde uns doch interessieren: Was hättest du denn in dem Fall gemacht?«

Und der Hodscha antwortet: »Was hätte ich schon tun sollen? Zu Hause habe ich noch einen alten Teppich, aus dem hätte ich mir eine neue Satteltasche gemacht...«

Das Mehl auf der Wäscheleine

Ein Nachbar kommt zum Hodscha und möchte dessen Wäscheleine ausleihen. Der Hodscha geht ins Haus und kommt bald darauf wieder zurück. »Tut mir leid, Nachbar«, sagt er, »jemand hat die Wäscheleine mit Mehl bestreut.«

»Aber Hodscha«, meint der Nachbar, »wer sollte denn eine Wäscheleine mit Mehl bestreuen?«

»Der, der sie nicht verleihen will«, antwortet der Hodscha kleinlaut.

Dein Topf ist gestorben

Der Hodscha hat sich von einem Nachbarn einen Topf ausgeliehen, den er ihm, nachdem er ihn gebraucht hat, zurückgibt. In den Topf aber hat er einen kleineren gestellt, und als der erstaunte Nachbar fragt, was das denn bedeute, antwortet er:

»Der Topf war wohl trächtig, er hat ein Junges bekommen.«

Nach einiger Zeit leiht sich der Hodscha wieder einmal den Topf vom Nachbarn aus. Die Zeit vergeht, aber der Hodscha gibt den Topf nicht wieder zurück. Schließlich verlangt der Eigentümer seinen Topf zurück. Doch der Hodscha meint betrübt: »Mein Beileid, dein Topf ist leider gestorben.«

»Seit wann kann denn ein Topf sterben?«, fragt der Nachbar.

»Oho, Herr Nachbar«, erwidert da der Hodscha, »dass Töpfe Junge kriegen können, glaubst du, aber dass sie sterben, das glaubst du nicht?«

Der allwissende Turban

Ein Mann, der des Lesens unkundig ist, bekommt einen Brief und bittet den Hodscha, ihn ihm zu übersetzen. Der Hodscha tut sein bestes, kann das Geschriebene aber nicht entziffern. Es ist wohl Arabisch oder Persisch.

»Ich kann es nicht lesen«, erklärt er schließlich, »frag lieber einen anderen.«

»Und du willst ein Gelehrter sein«, sagt der Mann ärgerlich, »du solltest dich deines Turbans schämen, den du trägst!«

Da nimmt der Hodscha seinen Turban ab, setzt ihn dem Mann auf und sagt: »Wenn du meinst, der Turban sei allwissend, dann lies du doch den Brief!«

Der Mund ist kein Sack, dass man ihn zubinden könnte

Der Hodscha ist unterwegs zum Dorf. Er hat seinen Sohn auf den Esel gesetzt und geht selbst nebenher. Da kommen ein paar Leute vorbei und sagen: »Schau dir das an! Der alte Mann muss zu Fuß gehen und der Junge sitzt auf dem Esel. Er sollte sich was schämen!«

Der Hodscha, der dies hört, lässt seinen Sohn absteigen und setzt sich selbst auf den Esel. Doch schon nach einer Weile hört er, wie sich zwei, die am Wegrand sitzen, unterhalten: »Der große Kerl sitzt auf dem Esel und lässt den armen Jungen nebenher gehen. Gibt es denn kein Mitleid mehr auf der Welt?«

Da holt der Hodscha seinen Sohn mit auf den Esel und so reiten sie beide weiter. Kommt ein Bauer des Weges und meint: »muss dieses schwache Tier denn euch beide tragen? Das ist ja unglaublich. Der arme Esel wird sich das Rückgrat brechen.«

Der Hodscha steigt daraufhin ab und nimmt auch seinen Sohn vom Esel herunter. So gehen sie weiter, der Esel voraus und die beiden hinterdrein. Als sie nicht mehr weit vom Dorf entfernt sind, hören sie, wie ein Mann zum anderen sagt: »Schau dir bloß die zwei Hohlköpfe an! Der Esel spaziert voraus und die zwei marschieren hinterher. Wie kann man nur so dumm sein?«

Da sagt der Hodscha zu seinem Sohn: »Du hast es gehört, das beste ist immer, man tut, was man selbst für richtig hält. Den anderen kann man nie etwas recht machen. Und der Mund ist auch kein Sack, dass man ihn einfach zubinden könnte.«

Der Wind tat es

Der Hodscha kletterte über den Zaun eines fremden Gartens und fing an, seinen Sack mit allem zu füllen, was er in seine Hände bekommen konnte. Der Gärtner erwischte ihn und schrie: »He, was machst du da?« »Ich wurde von einem starken Wind hier her geblasen.« »Und wer hat das Gemüse heraus gerissen?« »Ich habe versucht mich daran fest zu halten, um zu verhindern, von dem Wind weg gefegt zu werden.« »Aber wie kommt es dann, dass das Gemüse in diesem Sack ist?« »Das ist wirklich komisch. Ich saß gerade hier und wunderte mich über dasselbe, als du hier her kamst.«

Die Nachtigall

Eines Tages wollte der Hodscha frische Früchte essen, darum schlich er in einen fremden Garten. Dort kletterte er auf einen Baum und aß all die Früchte, die in seiner Reichweite waren. Etwas später kam der Besitzer des Gartens und fragte ihn böse: »Was machst du da oben?« Der Hodscha versuchte sich heraus zu reden und antwortete süß: »Oh, mein Herr, ich bin nur eine Nachtigall und sitze hier oben und singe!« Der Mann amüsierte sich darüber und sagte lachend: »Soso, du bist also eine Nachtigall? Dann lass mich mal ein Lied von dir hören!« Der Hodscha machte komische Gesichtsausdrücke und gab merkwürdige Töne von sich. Der Besitzer brach in Lachen aus und sagte: »Mann, was für 'ne Art von Singen ist das? Ich habe noch nie zuvor eine Nachtigall so singen hören!« Der Hodscha erwiderte: »Ja, eine unerfahrene Nachtigall singt nun mal so!«

Glaubst du dem Esel oder mir?

Ein Nachbar bittet den Hodscha um dessen Esel. Der Hodscha aber, der das Tier nicht weggeben möchte, antwortet: »Der Esel ist nicht hier, ich habe ihn zur Mühle geschickt.«

Kaum hat er das gesagt, fängt auch schon der Esel im Stall lauthals an zu schreien.

»Du hast doch gesagt, der Esel sei nicht da, und jetzt schreit er«, meint der erstaunte Nachbar.

Da antwortet ihm der Hodscha: »Mir, mit meinem weißen Bart, mir glaubst du nicht, aber einem Esel glaubst du!«

Gänsebeine

Nasreddin Hodscha hat eine Gans gebraten, um sie dem Sultan Tamerlan zu bringen. Auf dem Weg zu ihm bekommt er plötzlich Hunger und reißt der Gans ein Bein heraus, das er verspeist. Bei Tisch bemerkt Tamerlan, dass der Gans ein Bein fehlt, und er fragt: »Hodscha, was ist denn mit dem Bein passiert?«

Der Hodscha, der gerade aus dem Fenster schaut, entdeckt ein paar Gänse am Brunnen. Sie stehen auf einem Bein, das andere haben sie angezogen. Er zeigt sie Tamerlan: »Bitte, in unserem Land haben alle Gänse nur ein Bein!«

Tamerlan ist skeptisch. Er ruft einen Mann aus seinem Gefolge und flüstert ihm einen Befehl ins Ohr. Schon nach kurzer Zeit hört man draußen ein Getöse, das von Trommeln, Klarinetten, Tamburins und Becken herrührt. Die Gänse, von dem Spektakel aufgeschreckt, stieben davon.

»Siehst du, Hodscha«, sagt Tamerlan, »das hat nicht gestimmt mit den Beinen. Alle haben davon zwei.«

Der Hodscha gibt zurück: »Wenn man soviel Krach für dich veranstaltet hätte, hättest du jetzt vier!«

Hat der Dieb denn gar keine Schuld?

Dem Hodscha wurde der Esel gestohlen. Ein Nachbar, der davon erfährt, fragt den Hodscha vorwurfsvoll: »Warum hast du aber auch die alte Stalltür nicht längst erneuert?«

Ein anderer Nachbar meint: »Du hast bestimmt vergessen, den Riegel vorzuschieben!«

Und ein dritter sagt: »Du hast aber einen tiefen Schlaf, Hodscha! Der Dieb kommt, geht in den Stall, holt den Esel heraus, und du schläfst und merkst überhaupt nichts!«

So findet jeder etwas auszusetzen. Dem Hodscha wird es bald zu bunt: »Also Nachbarn, alles, was recht ist! Bin ich denn ganz allein schuldig an der Sache, hat denn der Dieb gar keine Schuld?«

Ich habe das Rezept

Der Hodscha kauft beim Fleischer eine dünne Scheibe Leber. Auf dem Heimweg begegnet er einem Freund, der ihm sagt, wie man Leber zubereitet.

»Ich vergesse es bestimmt«, sagt der Hodscha, »schreibe es mir doch bitte auf ein Papier.« Und der Freund schreibt es ihm auf. Wie der Hodscha dann weitergeht, das Blatt mit dem Rezept in der einen Hand und der Leber in der anderen, stößt plötzlich ein Milan herab und schnappt ihm die Leber weg. Der Hodscha rennt ihm hinterher, doch als er merkt, dass er den Vogel wohl nicht mehr erwischen wird, streckt er die Hand mit dem Rezept nach ihm aus und ruft:

»Es wird dir nichts nützen, ich habe das Rezept!«

Iß, mein Pelz, iß!

Der Hodscha ist zu einem Bankett eingeladen. Er trägt sein Alltagsgewand und wird von niemandem beachtet. Das macht ihn betroffen. Er eilt nach Hause, wirft seinen prächtigen Pelzmantel um und kehrt zu der Festgesellschaft zurück. Schon am Eingang wird er in Empfang genommen und zu einem Podest geführt, wo man ihm den besten Platz zuweist. Als die Suppe serviert wird, tunkt der Hodscha das Revers seines Mantels in die Schüssel und sagt: »Bitte, bedien Dich. Iß, mein Pelz, iß, mein Pelz!«

Den erstaunten Gästen aber erklärt er:

»Die Ehre gilt ja doch dem Pelz, soll der auch das Essen haben!«

Sagen wir neun

Der Hodscha hat einen Traum. Ein Mann gibt ihm neun Goldmünzen, der Hodscha will aber unbedingt zehn. Da wacht er plötzlich auf und merkt, dass er gar nichts in der Hand hat. Sofort schlägt er die Augen wieder zu, streckt seine Hand aus und meint: »Also gut, du sollst deinen Willen haben, sagen wir neun!«

Solange du nicht drinnen liegst

Der Hodscha wird gefragt: »Auf welcher Seite des Sarges muss man bei einem Begräbnis gehen? Vor dem Sarg, dahinter, rechts oder links davon?«

»Die Seite spielt keine Rolle«, antwortete der Hodscha, »solange du nicht drinnen liegst!«

Und wenn es doch klappt?

Der Hodscha sitzt am Ufer des Aksehir-Sees und wirft Joghurt hinein. Ein Vorübergehender fragt erstaunt: »Was tust du denn da, Hodscha?«

»Ich setze Joghurt an«, erwidert dieser.

»Wie soll denn in einem See Joghurt entstehen?«

»Ich weiß«, meint der Hodscha, »es ist unmöglich, es kann einfach nicht sein. Aber was, wenn es doch klappt?«

Wem es steht, dem steht es

Der Hodscha predigt in der Moschee. Er erklärt, es sei Sünde, wenn Frauen sich schminkten. Da weist einer der Zuhörer darauf hin, dass die Frau des Hodscha sich doch auch schminke.

Da entgegnet er: »Tja, wem es steht, dem steht es!«

Wer die blaue Perle hat

Der Hodscha hat zwei Frauen. Beide fragen ihn immer wieder: »Welche von uns beiden hast du am liebsten?«

Als die beiden Frauen einmal nicht zusammen sind, gibt der Hodscha jeder eine blaue Perle und bittet jeweils die eine, der anderen nichts davon zu sagen.

Als sie ihn dann wieder einmal fragen, wen er denn lieber hätte, da antwortet er: »Wer die blaue Perle hat, der gehört mein Herz!«